Der Sauerteig
Was ist ein Sauerteig
Ein Sauerteig ist eine "Arbeits- und Lebensgemeinschaft" von verschiedenen Kleinstlebewesen.
Sie sind voneinander abhängig und schützen sich gegenseitig. Solche Lebensgemeinschaften
sind in unserer Welt sehr vielfältig und treten oft auf: in Käse, Kefir, Wurst, Waldpilzen, Sauerkraut,
milchsauer eingelegtem Gemüse und
eingemachten Fisch, in der Gras-Silage der Bauern und viele anderen Dingen bis hin zum menschlichen Darm
gehen Bakterien verschiedendster Form eine sogenannte Symbiose mit anderen Lebewesen ein um zu existieren.
Beim Sauerteig sind es viele Dutzend verschiedene Bakterien und Hefen, also Pilzen:
- die Milchsäurebakterien
- die Essigsäurebakterien und
- die Sauerteighefen.
Gewinnung von Sauerteig
Vor allem in früheren Zeiten wurde der Sauerteig selbst angesetzt. Ausgangspunkt waren die im Mehl
von Natur aus vorhandenen Bakterien und Hefen. Um Sauerteig zu gewinnen, wurde ein Teig aus Mehl und Wasser
einige Tage stehen gelassen. Die Mikroorganismen vermehrten sich und beeinflussten sich gegenseitig,
bis ein stabiles Gleichgewicht entstanden war (man spricht von Ansatz). Die Mikroorganismen wurden
über mehrere Stufen durch Zugabe von Wasser und Mehl vermehrt. Bei der Teigbereitung wird ein kleiner
Teil des gewonnen Sauerteiges nicht verwendet, sondern als neues Anstellgut zurückgehalten.
Dieser Anstellsauer wird wieder mit Mehl und Wasser für den nächsten Teig vermehrt.
Generell wird der heutige Sauerteig nicht mehr durch Spontangärung gewonnen. Dies wird folgendermaßen
begründet: Problem bei der Spontangärung
seien unerwünschte Fremdgärungen, die durch Schimmelpilze und Bakterien ausgelöst werden – es fände ein
»Verdrängungswettbewerb« statt. Da die Lebensbedingungen im Sauerteig-Ansatz für viele Arten von
Mikroorganismen optimal sind, könnten sich auch die unerwünschten Mikroben gut entwickeln. Sie bekämen
durch die Führung des Teiges zwar nicht die Oberhand, weil sie spätestens beim Backen abgetötet werden,
sie können aber unerwünschte Stoffwechsel-Produkte hinterlassen. Es müsse daher sowieso auf ausreichende Hygiene
geachtet werden, um die Kontaminierung gering zu halten und das Gesundheitsrisiko zu minimieren.
Daher wird in Industrie und Handwerk vorwiegend industriell gezüchteter Reinzuchtsauer verwendet,
der nur die gewünschten Säurebildner enthält.
Üblicherweise wird der größere Teil des fertigen Sauerteigs zu Brot weiter verarbeitet, der Rest aber wird als
Ansatz für einen neuen Sauerteig verwendet (Ein-, Zwei- oder Dreistufenführung). Wenn man einmal vergisst,
einen Teil des Sauerteigs zurückzulegen, kann man auch den Teig für den Ansatz verwenden; er wird allerdings
bei der Gärung einige Probleme bereiten, da das enthaltene Salz gärhemmend wirkt.
Um Sauerteig für längere Zeit zu lagern, gibt es mehrere Methoden, die hier nach ihrer Gebräuchlichkeit gelistet sind:
- Krümelsauer: Mit zusätzlichem Roggenmehl verreiben bis er trocken ist (ähnlich der Streusel).
Es entsteht ein sog. "Gerstel" oder "Krümelsauer", der über mehrere Wochen lagerfähig sein soll.
- Gefrieren: Sauerteig lässt sich sehr gut einfrieren. Man muss ihn dann aber lange genug vor dem Weiterverarbeiten auftauen.
- Aufschlämmung: kaltes Wasser zusetzen und mit dem Schneebesen aufrühren (Aufschlämmung), Aufbewahrung im Kühlschrank ist
über mehrere Wochen möglich.
Der biologische Prozess der Säuerung
Im Sauerteig arbeiten im Wesentlichen zwei Arten von Bakterien:
- homofermentative Gärung:
Glukose → Milchsäure + 218 kJ Energie
- heterofermantative Gärung:
Glukose → Milchsäure + Ethanol + Kohlendioxid
und gleichzeitig: Glukose → Milchsäure + Essigsäure
Die Milchsäurebakterien zersetzen also einen Teil der Kohlenhydrate im Mehl zu Milchsäure, zusätzlich auch zu
Essigsäure und einen geringen Anteil Kohlendioxid. Die Hefen tragen ebenfalls Kohlendioxid sowie kleine Mengen
Alkohol (Ethanol) zum Gärungsprozess bei. Der Alkohol wird von den Essigsäurebakterien in Essigsäure umgewandelt.
Durch verschiedene Bedingungen (Gärungszeit, Mischungsverhältnis, Temperatur) kann Einfluss auf die Anteile
der einzelnen Gärungsprodukte und somit auf Eigenschaften und Geschmack (Wirkung) des Sauerteigs genommen werden.
Das Verhältnis von Milchsäure und Essigsäure sollte "80 zu 20" betragen. Dieses Verhältnis ist aber nur ein Richtwert.
Das Verhältnis der beiden Säuren bestimmt den Charakter eines Brotes (Brotsorte). Ein rustikales Roggenbrot
kann durchaus einen höheren Anteil Essigsäure für seinen typischen Charakter enthalten.
Durch die Säuerung wird der pH-Wert im Teig schrittweise auf 4,0 bis 4,3 abgesenkt. Dabei laufen enzymatische
Prozesse ab, wobei Geruchs- und Geschmackstoffe entstehen, die den Charakter eines Brotes bestimmen.
Außerdem werden bei der Reifung Vorprodukte für die Geschmacksbildung während des Backprozesses gebildet
(Maillard-Reaktion). Die unterschiedlichen Mikroorganismen benötigen unterschiedliche Lebensbedingungen
hinsichtlich Feuchtigkeit und Temperatur.
Gründe für die Verwendung von Sauerteig
technologische Gründe:
Da sich im Roggenteig durch die Anwesenheit von Pentosanen
kein Klebergerüst ausbildet wie beim Weizenteig, muss die verkleisternde Stärke beim Backprozess das Gebäckgerüst bilden.
In Roggenmehlen sind aber sehr aktive Amylasen tätig, die die Stärke beim Backprozess im Ofen abbauen und damit
eine Stärkeverkleisterung unmöglich machen. Die im Sauerteig gebildete Säure verhindert so den Stärkeabbau.
bessere Verdaulichkeit:
Vor allem in Vollkornmehlen sind Pflanzenstoffe (v. a. Phytin) enthalten, die in der Natur
Fraßfeinden schlecht aufstoßen. Diese Stoffe können Vollkorn auch für den Menschen schlecht verdaulich machen,
wenn sie die Nährstoffresorbtion und die Bakterienflora im Darm stören. Während der Sauerteiggärung wird ein Großteil
dieser Schutzstoffe abgebaut, sodaß Vollkornbrot besser verdaulich ist.
geschmackliche Gründe:
Das säuerliche Aroma ist bei dunklen Gebäcken sehr beliebt. Dabei
bildet Milchsäure ein feines mildes Aroma. Essigsäure bewirkt ein schärferes Aroma. Die Kunst bei der
Sauerteigbereitung besteht darin, das Verhältnis von Milch- und Essigsäure auf ein Verhältnis zu bringen,
dass das Produkt wohlschmeckend und aromatisch macht. Dies wird bei der Führung durch die Wahl von
Temperatur und Teigfestigkeit erreicht. Die Aromabildung durch die Hefegärung sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden.
Teiglockerung:
Das gebildete CO2 lockert den Teig (biologische Lockerung).
Haltbarmachung:
Die Säure führt außerdem zu einer längeren Haltbarkeit des Brotes,
da sie einem Befall durch Schimmelpilze entgegenwirkt und anderer anangehmer Brotkrankheiten entgegenwirkt.
Die Stufen der Sauerteigführung
Die Sauerteigführung zielt auf Vermehrung der Sauerteigkulturen ab, wobei man darauf achtet, dass
die sich vermehrenden Mikroorganismen in einem optimalen Verhältnis zueinander vermehrt werden.
Dazu haben sich in der Praxis mehrstufige Verfahren herausgebildet. Die zuverlässigste Methode ist
die Dreistufen-Methode (Arkady-Methode). Daneben haben sich auch zweistufige Methoden bewährt.
Die Dreistufen-Methode besteht aus den Stufen:
- Auffrischsauer
Anstellgut → Auffrischsauer
Auffrischung aller Mikroorganismen
ca. 3 Stunden Stehzeit
- Grundsauer
Auffrischsauer → Grundsauer
Vermehrung besonders der Säure-Kulturen (Milchsäure)
ca. 8 Stunden
- Vollsauer
Grundsauer → Vollsauer
Vermehrung der Hefe
ca. 5 Stunden
- Brotteig und Abnahme des Anstellguts
Vollsauer → eigentlicher Brotteig und Abnahme des Anstellguts
Bei den zweistufigen Führungen übergeht man die Stufe des Anfrischsauers und versucht die Resultate
im Grundsauer zu erreichen. Die Vermehrungsfaktor für den Sauerteig bildet in der Regel die Zeit der
Abstehzeit in Stunden.
Der Sauerteig in der Bäckerei Kusenberg
In der Bäckerei Kusenberg kommt ausschließlich ein Sauerteig zur Verwendung, der in Spontangärung
aus dem zur Verarbeitung anstehenden Roggen gewonnen wird. Der Sauerteig wird täglich
in einem bestimmten Verfahren (Grundsauerführung über Nacht, Vollsauer über den Vormittag)
vermehrt. Ein Anstellgut wird zurückgestellt, um täglich neu dieses Verfahren anwenden zu können.
Zur Verbeuge, dass es vergessen wird, das Anstellgut zurückzulegen, wird stets am Anfang der
Woche ein Starter zur Sicherung gesondert zurückgelegt. Bei Broten bei denen der Roggenanteil mindestens
50 % beträgt und die Menge des vorversäuerten Mehls oberhalb von 25 % liegt, kann aufgrund der
Hefetätigkeit im Sauerteig ganz auf die Zuführung von Hefe verzichtet werden.
Bei Broten mit einem größeren Weizenanteil und einem Anteil von unter 25 % des versäuerten Mehls reicht
die Hefemenge im Sauerteig in der Regel nicht aus, um ein gut gelockertes Brot herstellen zu können.
Hinzu kommen noch jahreszeitliche Faktoren (Schwankungen der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit).
Im Sommer verläuft die Hefegärung intensiver als im Winter.
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