Weizen für Brot wird knapp
CHRISTIAN HONNENS
Getreidesilos leeren sich wegen schlechter Ernte und hoher Nachfrage. Weizen landet als Biokraftstoff im Tank. Brot für die Welt mahnt, Nahrung für die Bevölkerung zu sichern
BERLIN: Die Getreidepreise steigen. Die Reserven in den Lagerhallen werden immer kleiner. Zugleich wächst der Bedarf enorm. Denn immer mehr Weizen oder Mais wird in Bioethannol umgewandelt, dass dem herkömmlichen Treibstoff untergemischt wird. Landet Getreide im Autotank, werden die Nahrungsmittel knapp, so warnen jetzt Entwicklungsorganisationen.
In den USA sind die Lager für Getreide besonders leer: Laut US-Agrarministerium sind die Bestände bei Weizen auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. In den vergangenen sieben Jahren sei nur in einem Jahr mehr produziert als verbraucht worden. "Diese Entwicklung hängt direkt mit der wachsenden Bedeutung der Biokraftstoffe zusammen", sagt Dietrich Klein, Geschäftsführer des Verbandes Landwirtschaftliche Biokraftstoffe. Hierzulande sei die Situation indes anders. Noch werde in Deutschland nämlich vergleichsweise wenig Getreide zu Biokraftstoffen umgewandelt. Wie viel - darüber gibt es bisher allerdings keine genauen Zahlen.
Die steigenden Weizenpreise in Deutschland lassen sich auf die schlechte Ernte 2006 zurückzuführen, bestätigen aber auch Wissenschaftler der Universität Hohenstein in einer neuen Studie. Sie untersuchen darin die Zukunft der Biokraftstoffe in Deutschland. Ihr Fazit: In der EU wird es keinen Mangel an Getreide für Lebensmittel geben - selbst wenn immer mehr Pflanzen zu Biokraftstoff werden. Schließlich exportiere bislang allein die Bundesrepublik jährlich acht Millionen Tonnen Getreide. Zudem könnten deutsche Landwirte bis zu sechs Millionen weitere Tonnen auf stillgelegten Flächen anbauen.
Jürgen Zeddies, Autor der Studie, erwartet, dass die Preise für Getreide in den nächsten zehn Jahren allenfalls "um etwa zehn Prozent steigen".
Langfristig sei allerdings eine stärkere Teuerung zu erwarten. Ab 2050, so rechnet der Experte vor, müssten weltweit drei Milliarden Menschen mehr ernährt werden als heute. Dann würden die Lebensmittel knapp - "allerdings nur außerhalb der EU", sagt Zeddies.
Die internationale Menschenrechtsorganisation Fian erwartet darum Konflikte ums Essen. Lokal seien diese schon heute zu beobachten, zum Beispiel in Indien. "Von dort wird schon heute Getreide nach Europa exportiert, obwohl auf dem Subkontinent mehr Menschen hungern als in Afrika", sagt Fian-Expertin Gertrud Falk.
Falk steht mit ihren Befürchtungen nicht allein. Auch die Organisation für Entwicklungszusammenarbeit Brot für die Welt rechnet mit schwerwiegenden Folgen für Umwelt und Bevölkerung in den Entwicklungsländern. Der steigende Flächenbedarf für Nahrungsmittel- und Energie-Produktion werde die Abholzung der letzten Urwälder beschleunigen. Bernhard Walter von Brot für die Welt: "Die Folge wären Erdrutsche, Verschlammungen von Flüssen und damit Überflutungen."
Zudem sei die kleinbäuerliche Landwirtschaft gefährdet. Denn die Pflanzen für Biokraftstoffe würden auch in Entwicklungsländern vor allem industriell angebaut. Monokulturen, auf denen zu Lasten der Umwelt viel Chemie versprüht werde, seien die Folge.
Trotzdem hält auch Walter die Nutzung des Nahrungsmittels Weizen zur Energiegewinnung in Europa für akzeptabel: "Der Dumping-Export von EU-Getreide in Entwicklungsländer macht nur die Märkte dort kaputt." Um den Hunger zu bekämpfen, sei es ohnehin besser, Weizen in den Regionen Afrikas zu kaufen, die selbst Überschüsse produzieren.
CHRISTIAN HONNENS
Anmerkung:
Der Österreichiche Bauernverbund zum Thema: Neue Wege in der Agrarpolitik
Ölpreis – Chance für die Landwirtschaft
„Die Zeiten günstigen Rohöls sind vorbei. Schon der derzeitige Preis von 67 Dollar je Barrel (159 Liter), schien noch vor kurzer Zeit völlig absurd zu sein. 100 Dollar und mehr sind schon in naher Zukunft nicht auszuschließen. Andererseits geraten die agrarischen Erzeugerpreise immer mehr unter Druck. Deshalb müssen wir die Chancen, die der Energiemarkt den Bauern bietet, gezielt nutzen. Denn nichts führt an einem raschen Umstieg von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern vorbei.“ (Prof. Heinz KOPETZ – Raiffeisenzeitung vom 25.8.05)
Die Weltwirtschaft ist vom Ölpreis geschockt, obwohl sie seit zig Jahren weiß, dass dieser Zeitpunkt kommen musste. Echte, dauerhafte Alternativen, also erneuerbare Energieträger – neben Sonne, Wind und Wasser – kann nur die Landwirtschaft erzeugen. Die entscheidende Frage ist nur zu welchem Preis. Kostengerecht kalkuliert oder billigst, als Vertragsanbauer – der ja auch umsonst arbeitet?
Der Umstieg von Öl- auf Holzheizungen zum Beispiel, rechnet sich für alle. Die Preisgestaltung haben die Bauern selber in der Hand, in der künftig auch begründete Kostensteigerungen zusätzlich verrechnet werden müssten. Bei Raps für Biodiesel bekommen die Bauern zu wenig, sagen Fachleute. Bis zu zehn Cent/kg mehr sind drinnen und die Verarbeiter verdienen noch immer gut daran. – VW und Mercedes/Chrysler stecken 450 Millionen Euro in eine Großanlage für synthetischen Biodiesel – erzeugt aus Holz und Stroh – die 2008 an der Ostsee in Betrieb gehen soll. 30 solche Anlagen, die gemeinsam sechs Mio. Tonnen Biosprit liefern, würden den gesamten europäpischen Biosprit-Bedarf decken. – Die „Südzucker“ baut um 185 Mio. Euro eine high-tech Ethanolfabrik, die aus Getreide Benzin erzeugt. 90 LKW-Ladungen sind der tägliche Bedarf. EINE solche Fabrik würde genügen, um den gesamten verpflichtenden Zumischungsbedarf ab 2008, für Österreich zu decken.
Die unzumutbaren, der Bauernschaft aufgezwungenen Billigstpreise für Getreide, rechtfertigen aber auch Überlegungen, dieses Getreide anderweitig besser zu verkaufen. So haben Heizversuche in Wieselburg mit Energiekorn, nachfolgende energetische Vergleichsergebnisse gebracht:
Brennstoff Heizwert KW Heizöläquiv. kg/l Kornertrag kg/ha Heizölertrag l/ha
Gerste 4,2 – 4,8 2,1 – 1,8 4.000 – 6.000 1.900 – 2.800
Weizen 4,4 – 4,8 2,0 – 1,8 4.000 – 6.000 2.000 – 2.300
Roggen 4,2 – 4,8 2,1 – 1,8 4.500 – 7.000 2.100 – 3.300
Triticale 4,2 – 4,8 2,1 – 1,8 4.500 – 6.500 2.100 – 3.100
Ölsaaten 6,0 – 6,5 1,5 – 1,4 3.000 – 3.500 2.000 – 2.300
Saflor 5,0 – 6,0 1,8 – 1,5 2.500 – 3.500 1.400 – 1.900
Der Gedanke Getreide – vor allem Brotgetreide – zu verbrennen ist für jede Bäuerin, für jeden Bauern ein ganz besonderes Problem. Aber wenn es ums Überleben geht…? Tatsache ist nun einmal, dass auf Grund dieses energetischen Vergleichs, ein Kilo Energiekorn über die energetische Verwertung 35 Cent/kg „wert“ ist.
geno (Unabhängige Bauernzeitung 08/05)
Siehe auch:
Sprit aus Wald und Wiese: Die technisch/wissenschaftlichen Hintergründe