02.01.2006 - bioland 1/06
Hefe ist nicht gleich Hefe
Im Lebensmittelhandwerk existieren einige Einfallspforten für gentechnisch veränderte Organismen. Im Rahmen einer Serie im bioland-Fachmagazin werden potentielle Gentechnikquellen benannt. Die Reihe startet mit der Hefe.
Hefe und Teigsäuerungskulturen, die bei der Backwarenherstellung eingesetzt werden, betrachtet der Gesetzgeber im Rahmen der EG-Bio-VO als „Kulturen von Mikroorganismen". Als Zutat nicht landwirtschaftlichen Ursprungs dürfen bei der Herstellung von Bio-Lebensmitteln alle handelsüblichen Hefen und Sauerteigstarter verwendet werden, sofern sie frei von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) und ihren Derivaten sind.
Immerhin konsumiert jeder Bundesbürger im Jahr durchschnittlich 2,5 kg Hefe. Hefe ist also durchaus ein Lebensmittel. Als solches müssen nach der EG-Öko-VO alle im Endprodukt enthaltenen Stoffe betrachtet werden. Im Sinne der Qualitätssicherung lohnt es sich also, hinter die Kulissen zu schauen.
Die derzeitig handelsüblichen Hefestämme sind gentechnikfrei. Wie sieht es bei den Nährmedien aus? Bis zum Ersten Weltkrieg wurde Hefe auf einem Nährmedium gezüchtet, das aus Mehl und Wasser bestand. In Kriegszeiten wurde das knappe Getreide durch Melasse ersetzt. Seither hat sich vieles geändert. Die Nährmedien, die zu Teilen in der Hefe enthalten sind, können durchaus gentechnisch veränderten Komponenten enthalten, wie Melasse oder Zucker, Glucose, Vitamine und Enzyme:
- Enzyme sind bereits häufig gv-Derivate.
- Zur Herstellung von Vitamin B2 und B12
können gentechnisch veränderte Mikroorganismen verwandt werden. In Zukunft wird ein verstärkter Einsatz erwartet. Einige Vitamine werden mit Hilfe von GVO hergestellt, hierzu gehören u. a. Beta-Carotin (Vitamin-A-Vorstufe), Vitamin B2 (Lactoflavin, Riboflavin), Vitamin B12, Vitamin C (Ascorbinsäure, ist aus gentechnisch veränderte Maisstärke am Markt) und Vitamin E (Tocopherol).
Auch wenn oder obwohl Gentechnik im Spiel war, muss das Endprodukt selbst laut EG-Kennzeichnungsverordnung 1829/2003 für gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel nicht gekennzeichnet werden. Zutaten, Zusatzstoffe und technische Hilfsstoffe brauchen nicht gekennzeichnet zu werden, wenn sie „mit Hilfe von" gentechnisch veränderten Stoffen/ Zutaten hergestellt wurden.
Als Bio-Verarbeiter bleiben nur zwei Möglichkeiten, um die Gentechnikfreiheit der eigenen Produkte zu sichern:
- Man setzt Hefe ein, die nachweislich auf ökologischen Nährmedien gezüchtet wurde.
- Wer konventionelle Hefe einsetzen möchte, sollte sich bei seinem Hefe-Produzenten erkundigen, welche Herstellungsschritte dieser in der Garantieerklärung einschließt. Eine Garantie für den „letzten vermehrungsfähigen Organismus" reicht nicht aus
Glaubwürdige Bioland-Produkte
Bislang empfiehlt Bioland, ökologisch zertifizierte Hefeerzeugnisse einzusetzen. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Problematik bei herkömmlicher Hefe erwägt der Verband, in den Bioland-Richtlinien für Brot und Backwaren künftig die Verwendung von Bio-Hefeerzeugnissen vorzuschreiben. Denn nur so kann die Gentechnikfreiheit umfassend garantiert und dem Anspruch des Biolandbaus an eine hohe Transparenz und Produktsicherheit entsprochen werden. Für den Einsatz von Sauerteigstartern hat Bioland diesen konsequenten Schritt bereits vollzogen.
Vergleich Herstellungsschema von BioReal und konventioneller Hefe:
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BioReal (Agrano) |
Konventionelle Hefe |
Starter |
patentierter Hefestamm und Milchsäurebakterien
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Anstellhefe
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Kohlenstoffquelle
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Getreide aus biologischem Anbau
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vorwiegend Melasse
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Stickstoffquelle
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Getreide aus biologischem Anbau, Bierhefe
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Ammoniak, Ammoniumsalze
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pH-Wert-Regulierung
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keine pH-Wert-Regulierung notwendig
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Säuren, z. B. Schwefelsäure, und Laugen, z. B. Natronlauge
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Hilfs- und Wuchsstoffe
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in den natürlichen Medien ausreichend vorhanden
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Synthetische Vitamine und anorganische Satze, u. U. Enzyme wie Amylase zum Abbau der Stärke
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Entschäumer
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Sonnenblumenöl aus biologischem Anbau
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Synthetische Entschäumer, 2. B. synthetische Öle mit Silikaten
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Anke Kahler Bioland-Bäckerberaterin
Annemarie Volling Projekt Gentechnikfreie Regionen bei derAbL